Gedichte

Gedichte sind nicht jedermanns Sache. Aber es gibt Texte, die beim Lesen immer wieder neu überraschen, einen inspirieren und lebendig machen können. Das möchten wir Ihnen nicht vorenthalten. Kunst kann in wunderbarer Form zum Ausdruck bringen, was dem Verstand verborgen bleibt.

 

Deshalb: An einer kleinen Auswahl an Gedichten, deren Sprache und möglicher Sinngehalt  beeindruckend sind, möchten wir Sie gerne teilhaben lassen.

 

Das Urheberrecht gestattet es, Gedichte von Schriftstellern im vollen Wortlaut wiederzugeben, wenn die Autoren vor mehr als 70 Jahren verstorben sind. Bei anderen müssen wir uns mit Hinweisen begnügen. Die Rechte der Autoren haben natürlich Vorrang.

 

Augen in der Großstadt

 

Wenn du zur Arbeit gehst

am frühen Morgen,

wenn du am Bahnhof stehst

Mit deinen Sorgen:

da zeigt die Stadt

dir asphaltglatt

im Menschentrichter

Millionen Gesichter:

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider -

Was war das? vielleicht dein Lebensglück …

vorbei, verweht, nie wieder.

 

Du gehst dein Leben lang

auf tausend Straßen;

du siehst auf deinem Gang,

die dich vergaßen.

Ein Auge winkt,

die Seele klingt;

du hasts gefunden,

nur für Sekunden …

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider;

Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück …

vorbei, verweht, nie wieder.

 

Du musst auf deinem Gang

durch Städte wandern;

siehst einen Pulsschlag lang

den fremden Andern.

Es kann ein Feind sein,

es kann ein Freund sein,

es kann im Kampfe

dein Genosse sein.

Es sieht hinüber

Und zieht vorüber …

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider.

Was war das?

Von der großen Menschheit ein Stück!

Vorbei, verweht, nie wieder.

 

Kurt Tucholsky

(Berlin, 1932)

Die Herrlichkeit des Lebens

 

Es ist sehr gut denkbar,

dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden

und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt,

aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit.

 

Aber sie liegt dort,

nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub.

Ruft man sie mit dem richtigen Wort,

beim richtigen Namen, dann kommt sie.

 

Das ist das Wesen der Zauberei, die nicht schafft, sondern ruft.

 

Franz Kafka

(Tagebücher, 18.10.1921)

 

Du musst das Leben nicht verstehen

 

Du musst das Leben nicht verstehen,

dann wird es werden wie ein Fest.

Und lass dir jeden Tag geschehen

so wie ein Kind im Weitergehen

von jedem Wehen

sich viele Blüten schenken lässt.

 

Sie aufzusammeln und zu sparen,

das kommt dem Kind nicht in den Sinn.

Es löst sie leise aus den Haaren,

drin sie so gern gefangen waren,

und hält den lieben jungen Jahren

nach neuen seine Hände hin.

 

Rainer Maria Rilke

(Berlin-Willmersdorf – „Mir zur Feier“ 1898)

Einsamkeit

 

Was ist wahre Einsamkeit?

Sind wir einsam,wenn das Leben

Rings von Stille ist umgeben?

Wenn die rege Fantasie

Uns in schaffender Magie

Neu beseelt mit süßem Streben

Bilder der Vergangenheit?

Ist das wahre Einsamkeit?

 

Oder wenn in stillen Gründen,

In des Waldes heil'ger Nacht,

Sonnenglanz in reiner Pracht

Durch die leis' bewegten Wipfel,

Durch die glanzumsäumten Gipfel

Nur verstohlen blickend, lacht,

Und in den verworrnen Zweigen

Selbst die kleinen Sänger schweigen?

 

Oder wenn in dunklen Mauern,

In des Kerkers engem Raum,

Der Gefangene sich kaum

Darf in seinen Ketten regen,

Wenn sein Herz mit raschen Schlägen

Nährt der Hoffnung Göttertraum,

Und geteilt in Freud' und Trauern,

Ahndungen ihn tief durchschauern?

 

Nein, nur das ist Einsamkeit,

Wenn sich Wesen um uns drangen,

Denen nicht in zarten Klängen

Sich vernehmbar macht das Herz,

Oft voll Wonne, oft voll Schmerz

Die uns das Gemüt verengen

Durch der Langeweile Leid

Das ist wahre Einsamkeit!

 

Charlotte von Ahlefeld

(1781-1849)

Ende des Herbstes

 

Ich sehe seit einer Zeit,

wie alles sich verwandelt.

Etwas steht auf und handelt

und tötet und tut Leid.

 

Von Mal zu Mal sind all

die Gärten nicht dieselben;

von den gilbenden zu der gelben

langsamem Verfall:

wie war der Weg mir weit.

 

Jetzt bin ich bei den leeren

und schaue durch alle Alleen.

Fast bis zu den fernen Meeren

kann ich den ernsten schweren

verwehrenden Himmel sehn.

 

Rainer Maria Rilke

(Das Buch der Bilder 1898-1906)

Herbst

 

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,

als welkten in den Himmeln ferne Gärten;

sie fallen mit verneinender Gebärde.

 

Und in den Nächten fällt die schwere Erde

aus allen Sternen in die Einsamkeit.

 

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.

Und sieh dir andre an: es ist in allen.

 

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen

unendlich sanft in seinen Händen hält.

 

Rainer Maria Rilke

(Paris, 11. September 1902)

Herbsttag

 

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.

Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,

und auf den Fluren lass die Winde los.

 

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;

gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,

dränge sie zur Vollendung hin und jage

die letzte Süße in den schweren Wein.

 

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.

Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,

wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben

und wird in den Alleen hin und her

unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

 

Rainer Maria Rilke

(Paris 21.9.1902)

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

 

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

 

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.

 

Rainer Maria Rilke

(Berlin-Schmargendorf, 20.9.1899)

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden

 

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,

in welchen meine Sinne sich vertiefen;

in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,

mein täglich Leben schon gelebt gefunden

und wie Legende weit und überwunden.

 

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum

zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.

Und manchmal bin ich wie der Baum,

der, reif und rauschend, über einem Grabe

den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe

(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)

verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

 

Rainer Maria Rilke

(Berlin-Schmargendorf,  22.9.1899)

Nachbarn

 

Im Herbst sammelte ich alle meine Sorgen

und vergrub sie in meinem Garten.

Und als der April wiederkehrte und

der Frühling kam, die Erde zu heiraten,

da wuchsen in meinem Garten schöne Blumen,

nicht zu vergleichen mit allen anderen Blumen.

Und meine Nachbarn kamen, um sie anzuschauen,

und sie sagten zu mir:

 

Willst du uns, wenn der Herbst wiederkommt,

zur Saatzeit, nicht auch Samen dieser Blumen geben,

damit wir sie in unseren Gärten haben?

 

Khalil Gibran

(1883 - 1931)

Vorfrühling

 

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung

an der Wiesen aufgedecktes Grau.

Kleine Wasser ändern die Betonung.

Zärtlichkeiten, ungenau,

 

greifen nach der Erde aus dem Raum.

Wege gehen weit ins Land und zeigens.

Unvermutet siehst du seines Steigens

Ausdruck in dem leeren Baum.

 

Rainer Maria Rilke

(im Muzot 20.02.1924)

Was es ist

Erich Fried

(1979)

Dich

Erich Fried

(1979)

Ohne Dich

Erich Fried

(1979)

Lob der Verzweiflung

Erich Fried

Was die Leute von ihm sagen

Wilhelm Willms

(um 1977)

Wussten Sie schon

Wilhelm Willms

(1977)

Welterobernde Zärtlichkeit

Wilhelm Willms

Nicht müde werden

Hilde Domin

(Heidelberg, 1962-1964)

Bitte

Hilde Domin

(Frankfurt-Astano/Tessin, 1957-1959)

Unaufhaltsam

Hilde Domin

(Heidelberg, 1962)

Lieder zur Ermutigung

Hilde Domin

(Heidelberg, 1961)

Abel steh auf

Hilde Domin

(1970)

Immer im Gespräch

Rose Ausländer

(um 1978)

Ja sagen

Rose Ausländer

(1976)

Nichts bleibt wie es ist

Rose Ausländer

(um 1964)

Traumsicher

Rose Ausländer

Wieder ein Morgen

Rose Ausländer

Wahrlich

Ingeborg Bachmann

(zw. 1964-1967)

Nach dieser Sinnflut

Ingeborg Bachmann

(zw. 1957-1961)