Psychodynamische Therapien

Psychodynamische Therapieformen stehen einerseits auf dem Boden der Erkenntnisse von Freud, Adler, Jung u.a., stellen andererseits eine Erweiterung deren Arbeit und Erkenntnisse in vielfältiger Weise dar.

 

Ein erster Unterschied liegt bereits im therapeutischen Setting. Bei psychodynamischen Verfahren sitzen sich Patient und Therapeut gegenüber („face to face“) im Gegensatz zu der klassischen Analyse auf der Couch (Freud). Patient und Analytiker sitzen deshalb gegenüber, weil eine weitergehende Regression des Patienten im Sinne einer „Entleerung“ (Couch) vermieden werden soll. Psychodynamische Therapieformen sind zudem niederfrequent und eignen sich neben der Einzeltherapie (Kurztherapie/Fokaltherapie) auch für interaktionelle Gruppen-Therapie-Formen.

 

Häufig gestellte Fragen in Verbindung mit diesen Therapieformen sind:

 

Was geschieht bei dieser Therapie?

Die Erforschung unbewussten Erlebens steht im Vordergrund: Die unbewusste Persönlichkeit, ihre Konflikte und ihre bisherige Verarbeitung sollen ohne Einschränkung untersucht werden können.

 

Was ist ihr Ziel?

Der Patient (Analysand) könne - nach Freud - durch den Therapieprozess ein tieferes Verständnis zu seinem Selbst erreichen und dadurch ein Mehr an persönlicher Freiheit gewinnen, indem neurotische Symptome beseitigt würden. Infolgedessen ließen sich pathologische Charakterzüge auflösen, so dass eine Umstrukturierung der Persönlichkeit erreicht werden könne.

 

Fragen zu den Freud’schen Grundannahmen:

 

Welche menschlichen Entwicklungsphasen unterschied Freud?

  • Orale Phase (1.Jahr): Hautkontakt, Saugen -> Vertrauensentwicklung
  • Anale Phase (2-3.Jahr): Loslassen, Festhalten -> Autonomie, Abhängigkeit
  • Ödipale Phase (4-5. Jahr) phallische Phase -> m/f-Identität, Rollenverhalten
  • Latenz-Phase (7-12. Jahr) -> Soziale Kompetenz (2. Sozialisation)
  • Adoleszenz-Phase (>12. Jahr) -> Identitätssuche (Normen, Gesetze, Rollen)

Was versteht man unter dem Instanzenmodell?

Nach Freud bestehe die menschliche Psyche aus 3 Instanzen (Strukturen):

  • Es (Triebe, Impulse...)
  • Über-Ich (Moralinstanz; Werte, Normen, Ideale)
  • Ich (Koordinationsinstanz zwischen Es/Über-Ich und Ich/äußerer Realität)

Das Ich (Koordinationsinstanz) vermittle zwischen den Trieben/Bedürfnissen und der Moralinstanz, sowie zwischen Ich und äußerer Realität.

 

Was sind Ich-Funktionen?

Sie entständen - nach Freud - im Zuge der Persönlichkeitsentwicklung und würden durch Sozialisationsprozesse geformt (Phasenlehre):

Denken, Wahrnehmung, Realitätskontrolle, Impulskontrolle, Spannungs-Toleranz, Regression im Dienste des Ich, Abwehrmechanismen, Autonome Ich-Sphäre, Antizipierendes Problemlösen, Geschicklichkeit, Reizschutz.

Bei psychosozialen Konflikten unterlägen sie allerdings einer Regression.

 

Was ist ein Konflikt im psychoanalytischen Krankheitsverständnis?

In jeder der 5 Entwicklungsphasen (Freud) könne es zu Trieb-Abwehr-Konflikten zwischen dem Es und dem Über-Ich kommen. Wenn diese Konflikte nicht zeitnah bewältigt würden, entständen in der Folge, im späteren Leben, spezifische Störungen, die auf diese Ereignisse zurückzuführen seien. Psychische Leidenszustände (Symptomneurosen, Konversionsneurosen, Charakterneurosen) seien das Ergebnis unbewusster Konflikte und Folgen von traumatisierenden Kindheitserfahrungen:

  • Unbewusster Konflikt (kindliche Wünsche vs. elterliche Vorstellungen)
  • Unbewusste Phantasie (kindlicher Lösungsversuch in der Vorstellung)
  • Pathogene Überzeugung (kindliche Erfahrung mit elterlicher Handlung)
  • Traumatisierung (überforderndes Erleben belastender Ereignisse)

Mögliche Folgen von Konflikten sind: Entwicklungshemmung, Entwicklungsdefizite, Selbstwertstörungen, Persönlichkeitsstörungen

 

Was sind Abwehrmechanismen und wie zeigen sie sich?

Sie dienten dazu (Freud), unerträgliche, peinliche oder gefährliche Konfliktkonstellationen aus dem Bewusstsein entweder zu entfernen oder durch Symptombildung als Scheinlösung darzustellen. Fast alle Verhaltensweisen (wie z.B. Tagträumerei, getriebene Geschäftigkeit) könnten zu Abwehrmechanismen werden. Pathologisch würden sie aber erst durch Dauer und Intensität in Form von Symptombildung (Neurosen) oder geistig/emotionaler Fehlleistungen (Stereotypen, situative Unangemessenheit).

  • Verdrängung (aus dem Bewusstsein -> Widerstand gegen Bewusstwerdung)
  • Verleugnung (nicht wahr haben wollen)
  • Regression/Progression (Rückschritt/Vorwärtsschritt)
  • Reaktionsbildung (Wendung ins Gegenteil)
  • Projektion (Wahrnehmung eigener, unangenehmer Affekte beim Anderen)
  • Identifikation/Introjektion (Eigene, unerw. Affekte durch fremde ersetzen)
  • Verschiebung (Ausagieren an Ersatzobjekten)
  • Spaltung (Eingeschränkte Ambivalenz-Fähigkeit: Gut/böse nur zeitversetzt mögl.)
  • Sublimierung (Ausagieren auf sozial/ethisch höherer Ebene)
  • Isolierung (Affekte trennen von Erlebnisinhalten -> Rationalisieren)
  • Rationalisieren (Scheinbegründungen)
  • Delegation (Wünsche auf andere übertragen)
  • Konversion (Unakzeptables drückt sich in Körpergeschehen aus)

Was ist Übertragung?

Bei der Übertragung (Freud) wiederholten sich unbewusst, durch verzerrte Wahrnehmung, alte Beziehungserlebnisse /-wünsche auch bei der aktuellen Bezugsperson. So werden immer wieder die gleichen Beziehungserfahrungen gemacht (-> Therapeut, Partner, Arbeitgeber, Freunde...)

Therapeutisch ist sie von hohem Wert, weil sie eine Ausdrucksform der innerpsychischen Realität, der Realität von Beziehungserfahrungen, wiedergibt. Übertragung ist immer auch als ein interaktives Geschehen zwischen Analytiker und Patient (Übertragungsbeziehung) einzustufen:

(A) Fokus liegt auf der gegenwärtigen Beziehungsrealität, die aufgrund der Kindheitserfahrungen verzerrt wahrgenommen und fehlinterpretiert wird.

(B) Fokus liegt auf den gegenwärtigen Wünschen, Erwartungen, Charakterzügen und lässt sich somit nicht unmittelbar auf die Erfahrungen der Kindheit zurückführen.

 

Was ist Gegenübertragung?

Sie sei Kennzeichen der unbewussten Reaktion des Therapeuten auf die Übertragung des Patienten und müsse als „Herzstück“ des analytischen Prozesses ebenso analysiert werden (Freud), weil sie unterschiedliche Ursachen haben könne. So unterscheide man Identifizierungen, Übertragungen, die vom Patienten ausgehen würden, sowie komplex sich bildende Mischformen der interaktiv (Therapeut/Patient) und intrapsychisch (unbewusst) ablaufenden Vorgänge. Sie könne allerdings auch eine reine Übertragung des Analytikers sein, entstehend aus eigenen unverarbeiteten Konflikten.

Deshalb versuche der Analytiker mit Hilfe der Wahrnehmung seiner eigenen Gegenübertragung (...das, was es bei ihm auslöst...) subjektiv in das gemeinsame Geschehen einzutauchen und die Bewegungen der Interaktion (Drama) zu verstehen. Der gute Umgang damit entscheide, ob eine Neuinszenierung (intrapsychisch -> interpersonell / altes Konflikthaftes -> aktualisieren -> bearbeiten) stattfinde, oder es doch eher zu einer Retraumatisierung (Verfestigung) komme.

 

Was ist Widerstand?

Er geschehe unbewusst und stehe für den Schutz vor Bewusstwerdung und Konfrontation mit ängstigenden, beschämenden, Schuld erzeugenden, konflikthaften Erfahrungen und stehe im unmittelbaren Zusammenhang mit der Grundproblematik des Patienten (Freud). Er gehöre somit in den unbedingten Fokus einer analytischen Behandlung. Er könne sich sehr vielfältig äußern, im Schweigen, in der Gefühls- oder Körperhaltung, in der Erzählthematik, im Vermeidungs- oder Fluchtverhalten, in Langeweile oder auch im Terminverhalten. Der Patient versuche unbewusst seinen bisherigen Persönlichkeits-Zusammenhalt trotz aller Symptome und Schwierigkeiten aufrechtzuerhalten. „Eine Neurose wehre sich gegen ihre Aufdeckung.“

 

Was versteht man unter dem Triebkonflikt-Modell?

Libidinöse Triebimpulse suchten ständig nach Befriedigung (Freud). Auf diese Weise bestehe eine Determinierung im Verhalten (Unfreiheit des Willens), die im Falle einer Neurose zu einer Art Wiederholungszwang führe.

 

Was versteht man unter dem Entwicklungsdefizit-Modell?

Das sich entwickelnde Kind stehe unter dem Einfluss pathogener elterlicher Haltungen (Erziehung, Sozialverhalten, Angenommen sein...) mit der Konsequenz, dass sich ein falsches Selbst entwickeln würde, wenn das Bedürfnis nach Selbstkohärenz (ganz sein, eins sein) nicht befriedigt würde.

 

Was versteht man unter dem Beziehungskonfliktmodell?

Die reziproke (gegensätzliche, unvereinbare) Natur menschlicher Beziehungen (Freud) zeichne sich verantwortlich für eventuell entstehende Konflikte, weil der Mensch in Beziehungen sich entwickle und in der Regel (sozialpsychologisch, interpersonell betrachtet) alte Beziehungsmuster in neue Beziehungserfahrungen mit einbringe.

 

Setting der klassischen Form der Psychoanalyse
Klassische Form der Psychoanalyse (Graphik: A. Schlemmer)

Psychoanalytische und psychodynamische Aspekte sind wissenschaftlich größtenteils anerkannt und finden sich in Reinkultur in ihren jeweiligen Therapieformen, Teilaspekte davon und deren Weiterentwicklung gelten in vielen anderen Therapieformen als wichtige Grundlage oder Ergänzung.