Systemische Therapie

Die systemische Therapie ist eine Therapieform, die in den 60 er, 70er und 80 er Jahren des 20. Jh. nach und nach in USA, Deutschland und Italien entstand. Die Therapie gilt seit dem 14.12.2008 in Deutschland durch den "Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie" als wissenschaftlich anerkannt.

 

Ihre theoretischen Grundlagen liegen in den damals noch neuen Wissenschaftszweigen der Kybernetik und der Systemtheorie. In der praktischen Arbeit bildeten sich sehr schnell unterschiedliche Arbeitsweisen aus, ausgehend von dem Gedanken, dass nicht der Mensch als Individuum Schuld an seiner psychischen Störung trage, sondern vielmehr, dass die Störung als solches eher im System (sozialen Umfeld) ihren Ursprung habe. Der psychisch instabile oder gestörte Mensch sei nur als Symptomträger eines dysfunktionalen Systems zu sehen, in dem er lebe, aufwachse oder arbeite.

 

Dieser Ansatz kann sehr entlastend sein, wenn man als psychisch instabiler Mensch bisher gewohnt war, die vermeintliche Schuld für diesen Zustand oder die Ursache für eine Störung immer nur bei sich selbst suchen zu müssen. Scham und Verzweiflung, Aussichtslosigkeit und ein Leben ohne Hoffnung sind häufige Begleiterscheinungen eines solchen Weges. Systemisches, familientherapeutisches Denken war einer der grundlegenden Ansätze, um den Menschen aus dieser Isolation herauszuholen.

 

Im Laufe der Zeit entwickelten sich unterschiedliche Stilrichtungen, die jeweils ihre eigenen Handschriften in der Arbeit mit Menschen tragen, wie z.B.:

Familienskulptur und Aufstellungsarbeit (Virginia Satir, Tom Anderson et al.)

Genogramm, Paartherapie der Heidelberger Schule (Helm Stierlin et al.)

 

Jede dieser Therapieformen bietet gute Möglichkeiten sich einem System zu nähern, um den einzelnen zu entlasten. Einig ist man sich trotz unterschiedlicher Herangehensweise in folgenden Grundannahmen:

 

• Menschen befinden sich in einem System:

Sie verhalten sich abhängig vom Kontext (= System) und vom Ereignisrahmen.

 

• Menschen verhalten sich entsprechend ihrer Systeme, denen sie angehören:

Die Umgebung gibt den Rahmen der Handlungsoptionen vor. Erwartungen des Systems (Ängste, Hoffnungen, Wünsche, Befürchtungen…) beeinflussen das Verhalten entscheidend.

 

• Systemisch denken heißt „zirkulär“ zu denken:

Alles ist mit allem vernetzt.

 

• Die Wirklichkeit ist nicht wirklich wirklich:

Wirklich ist, was wirkt. Nicht die Wirklichkeit (jeder Mensch hat eine eigene), die Tatsache, ist entscheidend für die Generierung einer passenden Lösung, sondern die Erkenntnisgewinnung. Menschen haben unterschiedliche Wahrheiten und erzeugen damit unterschiedliche Wirklichkeiten.

 

• Beobachter sind Teil der Beobachtung:

Als aktiv Wahrnehmender ist der Mensch nicht von der Beobachtung getrennt und damit objektiv, sondern Teil der Beobachtung und somit subjektiv. Es ist immer der Mensch selbst, der mit seinen Grundannahmen seine Wahrnehmung und damit die Qualität des Lebens bestimmt.

 

• Probleme sind zeit- und kontextabhängige Konstrukte:

Menschen verhalten sich in bestimmten Kontexten (Systemen) ihren Grundannahmen und Erwartungen hinsichtlich dieses Kontextes (Systems) entsprechend, passend oder unpassend.

Therapiegrundlagen sind:

1. Darstellung des Problemsystems mit allen beteiligten Personen

2. Herausfinden der jeweiligen Problembeschreibung

3. Analyse der Erwartungen an das System bzw. vom System

4. Beobachtung des Systemverhaltens (wann ist Problem da, wann nicht?)

5. Mögliche Lösungswege unter Berücksichtigung der Systemökologie

 

• Probleme entstehen durch unpassende Beschreibungen:

Viel Energie geht Menschen verloren durch einen inneren rücksichtlosen Kampf gegen sich selbst, ohne Hoffnung, ohne Vertrauen selbst etwas ändern zu können. Die Wende kommt erst auf dem therapeutischen Weg des „Opfer zum Schöpfer Werdens“ durch Reframing, durch eigene Verhaltensänderungen. Es gilt, die Kausalkette von Ursache und Wirkung aufzulösen, um zu einer höheren Passung des menschlichen Verhaltens zu gelangen.

 

(Quelle: vgl. Wolfgang Polt, Markus Rimser, Grundlagen sytemtheorethisch-konstruktivistischer Beratung)

 

Nachfolgende Fragetechniken gaben sich bewährt:

 

  • Zirkuläre Fragen zur Aktivierung von Ressourcen
  • Zirkuläre Fragen, die dem Überblick über die Situation oder die persönliche Befindlichkeit dienen
  • Zirkuläre Fragen, die zu einem Sachdetail oder zur Person führen
  • Zirkuläre Fragen, die zum Problem führen
  • Zirkuläre Fragen, die ein Verhalten, eine Fähigkeit, einen Wertbezug oder einen Glaubenssatz verdeutlichen
  • Zirkuläre Fragen, die der Identität und der Gruppenzugehörigkeit dienen
  • Fragen zum "Hier und Jetzt", um den Gegenwartsbezug herzustellen
  • Fragen, die dem klärenden Verstehen dienen (Hermeneutik)
  • Fragen zu Ausnahmen
  • Skalierungsfragen (Bewertungsfragen)
  • Fragen zur Externalisierung eines Problems
  • Fragen im Zusammenhang mit einer paradoxen Intervention
  • Fragen im Zusammenhang mit der Erteilung (Verordnung) von Aufgaben oder Veränderungen
  • u.a.

 

Systemische Sichtweisen und Fragetechniken sind wichtig und wirken vielfach entlastend auf Menschen. Sie gehören daher unbedingt in mein Repertoire.

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